Fachwerk und Architektur

© Wolfgang Wehl / pixelio.de

Wein-Kathedralen ... So werden nicht nur in Spanien die etablierten Güter genannt, wo man in Kreuzgewölben stundenlang an Barriquefässern entlangspaziert. Auch auf die neuesten Entwürfe himmelstürmender Avantgarde-Architekten lässt sich der Ehrentitel übertragen, verfolgen doch auch sie ein hehres Ziel: Repräsentation.

Vor allem in Österreich und Italien wurden jüngst stilprägende Weingüter neu errichtet, die vielleicht in Jahrhunderten ähnliches Erstaunen hervorrufen werden wie bei uns ein Klosterkeller aus dem Mittelalter. Und hier? Ja, die neue Wein-und-Steinzeit hat begonnen: Unterstützt von einem raffinierten Licht-Konzept, bietet sich das Bruchsaler Bio-Weingut Klumpp in atemberaubender Optik dar. Zu Tiefenbach ward ein Genuss-Imperium erschaffen, indem sich dem künstlerisch seit jeher anspruchsvollen Weingut ein Hotel beigesellte, das internationalen Vergleichen standhält – mitten im Weinberg natürlich.

Im Württembergischen glänzen Merkles in Ochsenbach mit einem verspielten Entwurf, auch Dautels bei Bönnigheim lassen Wein und Kunst spektakulär zueinanderfinden. – Freilich, die Historie hat Zeugnisse voller Wunderkraft hinterlassen. Zu diesem gehört auch die Alte Kelter im Eilfingerberg bei Maulbronn, dem Kulturzentrum der Region für Jahrhunderte.


Eigentlich sind wir aber Demokraten, oder? In diesem Sinne sollten wir unsere Aufmerksamkeit auf eine bescheidene Variante des Zusammenspiels von Weinbau und Architektur widmen: den Wengertshäusle. Was könnte wohl das Auge mehr entzücken als so eine Steillage, getupft mit bunten Weinberghüttchen? Aber bitte, sehen Sie selbst …

Zeitgenössische Baukultur im Kraichgau

Hochwertige Baukultur prägt die Identität und Attraktivität unserer Städte und Gemeinden und ist damit ein wichtiger Standort- und Zukunftsfaktor für den Kraichgau. Sie zeigt sich einerseits in einem besonnenen und nachhaltigen Umgang mit historisch bedeutsamer Bausubstanz, aber auch in einer qualitätsvollen zeitgenössischen Alltagsarchitektur. Vor diesem Hintergrund startete im Jahr 2018 ein gemeinsames Projekt des Regierungspräsidiums Karlsruhe und der Architektenkammer Baden-Württemberg, Bezirk Karlsruhe.
Im Rahmen eines Auszeichnungsverfahrens „Baukultur Kraichgau“ sollten herausragende und beispielgebende Projekte und Projektideen im Kraichgau prämiert sowie Beispiele und Möglichkeiten für gutes Planen und Bauen aufgezeigt werden. Die Initiative wird vom Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg im Rahmen der Landesinitiative Baukultur Baden-Württemberg unterstützt, gefördert und begleitet. Einzureichen waren in den letzten zehn Jahren errichtete Bauwerke sowie Projekte im öffentlichen Raum wie auch Konzepte oder Planungsideen für die Gemeinden (neue Ortsmitten, Gemeindezentren, Umnutzungen leerstehender Gebäude etc.). Teilnahmeberechtigt waren Kommunen, private und öffentliche Bauherren sowie Architekten, Innenarchitekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten.

Den Baukulturführer Kraichgau mit alle prämierten und gewürdigten Objekte kannst Du Dir in einer Punlikation ansehen: zum Download

Architekturführer für Baden-Württemberg

Die Architektenkammer Baden-Württemberg nimmt Dich mobil mit auf Entdeckungsreise durch Baden-Württemberg. In der App findest Du eine Auswahl an Beispielen der modernen Baukultur. 

Eine erste Grundlage für die neue App bilden die prämierten Objekte im Auszeichnungsverfahren Beispielhaftes Bauen. In jedem Landkreis werden mindestens die Preisträger des letzten aktuellen Verfahrens präsentiert. Die Kammergruppen haben künftig zudem die Möglichkeit, eigene Architekturführer innerhalb der App zu erstellen. Die Objekte erhalten dann eine entsprechende Kennzeichnung. So wird das Angebot sukzessive erweitert.

Probiere aus es und lade Dir die App herunter:

> Zum App Store

> Zum Play Store

Die App ist für iOS (ab Version 8.0) und Android (ab Version 4.4) verfügbar und steht im App Store und im Google Play Store zum Download bereit.

 

Die Tabakscheune :: Neibsheim

Weithin sichtbar thront die Tabakscheune am Rande von Neibsheim, einem Ortsteil von Bretten. Hinter der hölzernen Lamellenfassade wurden früher die auf langen Schnüren aufgefädelten Tabakblätter getrocknet. Offene Treppen, alte Laufdielen und Tabakgestänge geben einen Eindruck von der früheren Nutzung. Heute befinden sich im zweiten und dritten Stockwerk zwei Maisonette-Wohnungen, wie Wespennester in das Dach eingehängt – davon eine Ferienwohnung.

© Florian Blümig
© Steinbachhof Event-GmbH

Steinbachhof :: Gündelbach

Hier wurde historische Bausubstanz zur stimmungsvollen Bühne für ganz besondere Events. Die Hofanlage wurde erstmals im 12ten Jahrhundert erwähnt und gehörte zum Kloster Maulbronn. Fruchtkasten und Wohngebäude stammen aus dem Spätbarock,
Feldscheune und Wagnerei aus dem 19. Jahrhundert. Die Schwäbisch-Fränkische Stufenlandschaft, der historische Flair der eindrucksvollen Gemäuer und die individuell gestalt- und nutzbaren Veranstaltungsräume sind ein architektonisches Juwel.

Heitlinger Hof :: Tiefenbach

Ein Erlebnis für alle Sinne ist der Heitlinger Hof inmitten der Kraichgauer Weinberge. Authentizität gepaart mit einem Ambiente, das verblüfft und begeistert. Natürliche Materialien und liebevolle Details, die für viel Wohlgefühl sorgen. Zwei Restaurants, die den Grundsätzen von Slow Food entsprechen und gleichermaßen von Gästen wie Kritikern großes Lob erhalten.

© Heitlinger Gastro & Hotel Betriebs GmbH
© Weinkonvent Dürrenzimmern eG

Weinkonvent :: Dürrenzimmern

Das Ambiente, in dem Weine präsentiert und probiert werden, wird immer wichtiger. Die neue Architektur soll das Alleinstellungsmerkmal „Klosterhof“ unterstreichen, sakral mutet es an. Für seine Vinothek wurde der Weinkonvent vom Deutschen Weininstitut (DWI) Anfang Oktober 2016 ausgezeichnet, eine der 50 besten Vinotheken Deutschlands zu führen.

Interviews

Wein & Architektur - Friedrich Lörcher, Architekt, LVWO Weinsberg

Gebaut wurde schon immer. Früher vor allem für die Funktion. Seit Mitte der neunziger Jahre spielt auch die Form eine sehr wichtige Rolle. Es entstehen seither völlig neue Bauwerke. Beispiele aus dem In- und Ausland zeigen ein hohes Maß an Kreativität und außergewöhnlicher Architektur mit völligen anderen Baustilen. Die Form muss aus der Funktion heraus entwickelt werden.
Ein Vorreiter zum Thema „neue Architektur für die Weinwirtschaft“ ist die Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Weinund Obstbau in Weinsberg. Dort hat man schon 1998/99 eine Vinothek gebaut, die richtungsweisend für die neue Architektur war und ist. Dieser Raum wurde mit einem internationalen Architekturpreis ausgezeichnet.
Gute Architektur kann dazu beitragen, das Image der Betriebe und der Produkte zu steigern und zu ändern. Die Austauschbarkeit von Betrieben zu verringern. Die Einzigartigkeit zu betonen.
Neue Kunden zu begeistern. Einen bestimmten Stil zum Ausdruck zu bringen. Führungen, Verkostungen und Veranstaltungen spannender zu machen. Die Architektur bietet dazu eine sehr wirksame, dreidimensionale, räumliche und emotionale Kommunikationsmöglichkeit. Die Begegnung mit der Marke am realen Ort bleibt ein analoger
Vorgang der virtuell nur unterstützt werden kann. So kann eine ganze Region durch gute Beispiele nach vorne gebracht werden.

Das Weingut Klumpp - Andreas Klumpp

Alle Sinne ansprechen. Die Philosphie zum Ausdruck bringen. Terroir sichtbar machen. Die eigene Handschrift und den unverkennbaren Charakter der eigenen Weine wiedergeben. Auch die Architektur ist dafür entscheidend. Großartig ist dies beim Weingut Klumpp gelungen. Das Interview führte Christina Lennhof.

Aus Sicht eines Winzers: Was macht den Kraichgau für Sie als Weinregion so spannend?

Andreas Klumpp: Es gibt für jeden Winzer zwei feste Faktoren, die er nicht beeinflussen kann, gleichzeitig aber größten Einfluss auf den späteren Wein haben – diese Faktoren sind der Untergrund und das Mikroklima. Wir haben in beiderlei Hinsicht
das große Glück, dass sich unser Weingut exakt hier befindet, denn nirgendwo sonst in deutschen Weinbaugebieten gibt es auf einem so kleinen geografischen Raum eine derart große Vielfalt unterschiedlicher Böden. Oft entscheiden nur wenige
hundert Meter, ob der Boden sehr schwer, also besonders tonhaltig, oder eher leicht, also sandig ist. Ebenso verhält es sich mit dem Steinanteil im Oberboden und dem Ausgangsgestein (überwiegend Muschelkalk) im Untergrund. Kurzum, der
Kraichgau bietet für uns eine herrliche Spielwiese auf der wir für viele unterschiedliche Rebsorten die perfekten Bedingungen vorfinden und das bei optimalem Klima.

Wie beschreiben Sie Ihr Weingut in wenigen Worten?
Andreas Klumpp: Wir sind ein junges, dynamisches Weingut, das nach der Devise „back to the roots“ biologische Weine in kompromissloser Qualität produziert.

Welche Rebsorten bauen Sie an?

Andreas Klumpp: Klassisch für Baden liegt der Schwerpunktauch bei uns auf den Burgundersorten (Weißburgunder, Auxerrois, Grauburgunder, Chardonnay und Spätburgunder). Durch die nördliche Lage unseres Weingutes zwischen Karlsruhe und Heidelberg sind wir Grenzgänger zu den Weinregionen Pfalz und Württemberg, so dass zusätzlich auch Riesling, Blaufränkisch und St. Laurent eine wichtige Rolle spielen.

2015 haben Sie den Neu- und Umbau Ihres Weinguts fertig gestellt, worauf haben Sie dabei besonderen Wert gelegt?

Andreas Klumpp: Uns war es wichtig, dass sich die Qualität unserer Weine, die von Garmisch-Patenkirchen bis Sylt in der deutschen Top-Gastronomie vertreten sind, auch in der Architektur widerspiegeln. Wir wollten für Weininteressierte einen Ort schaffen, an dem man sich wohl fühlt und in entspannter Atmosphäre unsere Weine verkosten kann – ohne Schnickschnack und ohne Hochglanz. Dementsprechend fühlt man sich in unserem Verkostungsraum eher wie in einem Wohn- und Esszimmer mit hochwertigen und ehrlichen Naturmaterialien. Die Vinothek befindet sich direkt über den Weinkellern. Hier lassen wir gerne alle besonders Interessierten noch tiefer in die Materie Wein blicken.

Heute spricht man ja von einer Markenarchitektur. Was möchten Sie mit der Architektur über die Marke Klumpp zum Ausdruck bringen? Inwiefern wurde hier der Marke Raum und Identität gegeben?

Andreas Klumpp: Unsere Weine haben eine ganz klare Stilistik, die wir in der Architektur mit klaren Formen widerspiegeln wollten. Darüber hinaus sind wir bereits seit 21 Jahren ein ökologisch arbeitendes Weingut. Somit war uns auch wichtig, dass wir ausschließlich natürliche und ehrliche Materialien verwenden. Und als letzter und wichtigster Punkt: Herzblut, sehr viel Herzblut und Passion bei allem was wir tun, auch das war uns sehr wichtig mit dem Neubau zu transportieren.

Funktionale Aspekte versus ästhetisch-gestalterische Aspekte – wie wurde hier ein optimaler Weg gefunden? 

Andreas Klumpp: Alle Elemente wie Schränke oder Schubladen wurden ohne Griffe fließend in die Möbelstücke integriert, so dass die Funktionen nur bei Benutzung sichtbar werden. Auch in unseren Kellern haben wir versucht alle Rohrleitungen möglichst
gut „getarnt“ zu verbauen und den Rest regelt ein ausgefeiltes Beleuchtungskonzept.

Gab es Vorbilder? 

Andreas Klumpp: Wir haben so lange auf den Moment hin gearbeitet, um uns den Traum des Neu- und Umbaus zu verwirklichen, dass die Vorstellungen schon sehr konkret waren. Die Funktionalität der Arbeitsbereiche hat viel von der Architektur vorgegeben, da der Neubau natürlich nicht nur optisch wichtig für unser Weingut war, sondern auch Arbeitsabläufe vereinfacht werden sollten. Direkte Vorbilder gab es keine, da wir uns im Bau selbst verwirklichen, aber nichts kopieren wollten.

Wie ist das Feedback Ihrer Gäste? 

Andreas Klumpp: Unsere Gäste fühlen sich bei uns sehr wohl.
Das ist die größte Auszeichnung!